In Las Vegas hat mich eine Erfahrung “eingeholt”, mit der ich niemals gerechnet habe. Ich wurde verhaftet. Auf der Straße.

Leider konnte ich keine Fotos machen. Meine Kamera, sowie andere meine Schätze, wurden mir abgenommen. So habe ich versucht, mir alles genau zu merken und jedes Detail im Gedächtnis zu behalten. Damit ich Euch erzählen kann, wie ein amerikanisches Gefängnis von innen aussieht. Die Zeichnungen helfen mir dabei.

Bei einem abendlichen Spaziergang in Las Vegas habe ich gesehen, wie zwei Polizisten zwei Männer in Handschellen aus einem Casino rausführen. Die Verhaftung sah durchgeplant aus. Auch ein Fernsehteam war dabei. Viele Menschen haben sich an dem Ort versammelt und haben das Ganze beobachtet. Ich war auch neugierig. Ich stand in der Menschenmenge mit meiner Kamera und habe gefilmt. Und habe dabei ganz unerwartet meine eigene Verhaftung dokumentiert. In 2 Sekunden hatte ich Handschellen an und saß neben den beiden Typen aus dem Casino.

Ein schwarzer junger Mann stand neben mir, als ich gefilmt habe. Als ich plötzlich verhaftet wurde, hat er sich sehr gewundert und die Polizei gefragt: “Wofür haben Sie sie verhaftet?” Und uuups, schon saß er in Handschellen neben mir. Nun waren wir zu viert. Das TV-Team hat uns alle gefilmt.
Ich konnte es nicht glauben. Ich dachte, ich spiele im Kino. Alles war wie in einem amerikanischen Film. Die Polizei hat dann die beiden Typen aus dem Casino laufen lassen, und wir beide (ich und der Mann, welcher wegen seiner Nachfrage verhaftet wurde) wurden zum Mittelpunkt des Geschehens. Alle Blicke des Publikums sowie die Fernsehkamera, wurden auf uns gerichet. Wir saßen wie zwei Verbrecher da.
Von der TV-Camera begleitet, wurde ich zum Polizeiauto geführt. Ich musste gerade und mit Handschellen am Auto stehen und warten, bis der junge und mit sich selbst sehr zufriedene Polizist die vielen Formulare ausgefüllt hat. Das hat sicher eine Stunde gedauert. In der Zeit hat er mehrmals neckisch gefragt: “Willst Du wirklich ins Gefängnis? Das Essen ist grausam da.” Und hat ein paar Andeutungen gemacht, wie ich das meiden könnte. In solchen Situationen verstehe ich kein Englisch.

Inzwischen hat mir der Polizist auch erklärt, warum ich denn verhaftet wurde. Die Erklärung war (wortwörtlich): “Sie standen am Straßenrand, das ist sehr gefährlich, und wir mussten Sie in Sicherheit bringen!”  Das Klang wie ein Witz, er grinste auch sehr zufrieden dabei.

Danach war ein Alkoholtest. Der Polizist hielt seinen Finger vor meinem Gesicht, und ich musste dem Finger mit den Augen folgen. Den Test habe ich erfolgreich bestanden.

Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, kam ein größerer Wagen (wie ein kleiner Bus, nur ohne Fenster an den Seiten). Dafür aber mit 2 kleinen vergitterten Fenstern in den Hintertüren.

Der Fahrgastraum war in der Mitte durch ein Gitter geteilt. Eine Hälfte – für die Männer und die zweite – für die Frauen. Auch der schwarze Mann wurde in den Wagen gestopft. Wir wurden lange durch die Stadt chauffiert. Unterwegs wurden neue Leute eingesammelt, bis es in unserem Käfig voll wurde. Einige Frauen haben geheult, und der Mann, der mit mir zusammen verhaftet wurde, hat laut geflucht. Da habe ich paar neue Redewendungen gelernt und meine Sprachkenntnisse um einiges erweitert.

Irgendwann sind wir angekommen. Ein riesieges Tor ging knirschend auf, und wir sind auf einen Hof gefahren. Und durften aussteigen.

Die persönlichen Sachen kamen in Papiertüten, wurden beschriftet und mit Nummern versehen. Es gab ein Protokoll zum Unterschreiben. In dem Zettel stand aber, dass ich kein Bargeld habe. Und eine Videokamera wurde nicht notiert. Hier habe ich es mir erlaubt zu protestieren. Die genervte Polizistin hat dann mein Geld und Equipment gezählt; danach habe ich das Protokol unterschrieben. Dann sind wir in das nächste Transportmittel gestiegen und sind weiter gefahren. Zum nächsten Hof. Und das war jetzt ein Gefängnis. Ein richtiges. Und ich war ein echter Häftling mit einer Häftlingsnummer. Hier war es voll, und es kamen immer wieder neue Lieferungen dazu. Hier mussten wir alle Sachen, die wir am Körper hatten (Armbanduhr, Halskette und Gürtel in meinem Fall) abgeben und die Schuhe ausziehen. Alle haben knall gelbe Gummilatschen bekommen. Wir wurden an die Wand gestellt, mussten die Hände hoch halten und wurden genauestens untersucht. Kein Körperteil blieb verschont. Ich habe alles artig gemacht, damit sie keinen Grund haben, mich auf der Stelle zu erschießen. Bei mir hat die Polizistin sogar das Haargummi abgenommen.

In einem Warteraum durften sich alle setzen. Frauen in die Frauenreihen. Männer in die Männerreihen. Dann wurden die Namen gerufen und jeder/jede musste zu einer Krankenschwester. Die Krankenschwester hat mich angeschaut und drei Fragen gestellt. 1. Haben Sie heute Drogen genommen? 2. Haben Sie vor, einen Selbstmord zu begehen? 3. Sind Sie schwanger? Mit meinen Antworten war sie zufrieden. Im nächsten Fensterchen wurden Fingerabdrucke genommen und wieder ähnliche Fragen gestellt. Nach Wunsch durfte man hier eine Telefonnummer von einer Person hinterlassen, die man in einem Notfall informieren sollte. Danach eine Fotosession, wie man sie aus Krimis kennt.

Die ganze “Abwicklung” hat 8 Stunden gedauert! So ein riesiger organisatorischer Aufwand! Es war extrem kalt in dem Raum. Ich habe neidisch auf die blauen Anzüge anderer Häftlinge geschielt. Diese haben nur die bekommen, welche aus der Sicht der Polizei nicht ordentlich genug angezogen waren. Mein Kleid war für sie ok, so habe ich leider keinen Anzug bekommen und musste frieren.

Danach haben wir in kleinen Gruppen (3-4 Personen) einem der Wärter folgen müssen. In eine Zelle.

Eine Stahltür mit einem kleinen Gitterfenster ging auf. Vor mir war ein Raum ca 20 Quadratmeter groß mit etwa 20 Frauen drin. An den 3 Wänden gab es schmale Bänke aus Beton. Die Bänke haben nicht für alle ausgereicht, einige Frauen lagen auf dem Fußboden. Die ungeschriebene Regel konnte man sofort in der Luft spüren. Alle “Neuen” sollten stehen oder sich einen Platz auf dem Fußboden suchen. Nur die “Alten” und die “Coolen” durfen sich auf den Bänken breit machen. Ich habe mich trotz der kritischen Blicke in eine kleine Lücke zwischen zwei korpulenten Damen gequetscht. Ich wurde als “doofe Touristin” geduldet. Von diesem Platz bin ich nicht mehr aufgestanden, ich wollte ihn nicht riskieren.

Es war laut wie auf einem Markt. Die Frauen waren am Diskutieren und Austauschen, am Schreien und Lachen. Ein paar Frauen haben auf dem Fußboden geschlafen.

Es stellt sich sicher die Frage nach einem Raum für private Angelegenheiten. Den Raum gab es nicht! Die Toilette war mitten in der Zelle, mit einem kleinen Zäunchen von dem restlichen Raum getrennt. Da konnte man sich beim besten Willen nicht verstecken. Jede sah alles. Auch wenn ich versucht habe, nicht hinzuschauen. Der Bereich war sehr dreckig, mit Pfützen und Papierfetzen. Hat auch entsprechend gerochen. Ein Waschbecken gab es nicht, Hände konnte man sich nicht waschen.

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Irgendwann kam das Frühstück auf braunen Plastiktabletts.  Ich habe nichts davon gegessen.

Ich habe den Geschichten meiner Zellkameradinnen zugehört. Das war spannend! Meine Banknachbarin rechts wurde verhaftet, weil sie sehr laut Musik in ihrem Auto gehört hat. Klingt unwahrscheinlich. Ich hätte das nie für möglich gehalten, wenn ich gerade nicht selbst vom Straßenrand “in Sicherheit” gebracht worden wäre. Eine andere Frau wurde verhaftet, weil sie dort über die Strasse gegangen ist, wo es keinen Fußgängerübergang gab. Eine junge schwarze Frau wurde wegen Prostitution festgenommen, weil sie am Straßenrand stand und geraucht hat. So wie sie ausgesehen hat, würde ich sie nie für eine Prostituierte halten, ihre Kleidung war sehr bescheiden.

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So sah die wegen der Prostitution verhaftete Frau aus

Ab und zu kam ein Wärter zur Tür und hat 2-3 Namen gerufen. Glücklich sind die Genannten dem Wächter gefolgt. Ich habe gedacht, sie gehen nach Hause. Aber ein paar Stunden später habe ich sie dann wieder gesehen. In einer anderen Zelle. Die Versetzungen von einer Zelle zur anderen haben wahrscheinlich einen tiefsinnigen Grund, den ich nicht verstehen konnte. Das hat aber etwas Spannung in das Gefängnisleben gebracht. Ich habe auch ein paar Zellen besuchen müssen, bis ich wieder gerufen wurde und es endlich Richtung Freiheit ging.

“Hintereinander gehen! An der roten Linie stehen bleiben! Mit dem Gesicht zur Wand! Weiter gehen!” Den Kommandos folgend, haben wir hinter Glasscheiben sitzende Damen erreicht, die die letzten bürokratischen Angelegenheiten erledigt haben. Ein paar Zettel ausfüllen, ein paar Unterschriften gestellt, nochmal Fingerabdrucke, die Papiertüten mit den Sachen bekommen, noch eine Minute zum Umziehen und uuuuuups! Eine der Stahltüren ging auf, und die Sonne hat mich geblendet. Es war 14 Uhr am nächsten Tag. Und endlich warm. Mein “Trip” hat 14 Stunden gedauert.

Was für eine Erfahrung. Nicht schlecht, was man alles im freien Amerika erleben kann… Ein paar Monate später gab es eine Gerichtsverhandlung. Mir wurden 3 wilde Sachen vorgeworfen. Darüber erzähle ich im Film, den ich auf dieser Reise gedreht habe.

Hier ist der Trailer!

Interessante Fakten – Gefängnisse und Gefangene in den USA

  1. Die USA ist ein Land mit der größten Anzahl an Inhaftierten in der Welt! Im Jahr 2020 sitzen über 2,24 Mio. Menschen im Knast.
  2. Mit 716 Häftlingen pro 100 000 Einwohnern haben die USA die höchste Gefängnisrate der Welt. (In Deutschland sind das 79 Häftlinge pro 100 000 Einwohner)
  3. Louisiana in den USA hat die höchste Rate der Welt, was die Zahl der Häftlinge angeht! Einer von 86 Einwohnern sitzt im Gefängnis!
  4. In den USA gibt es private Gefängnisse, wo wohlhabende Häftlinge sich für mehrere hundert Dollar pro Tag Luxus-Zellen mit allem Komfort (TV, Internet, private Dusche usw) buchen können.
  5. Es ist sehr einfach in den USA ins Gefängnis zu kommen. Hundert Tausende werden für Kleinigkeiten eingesperrt. Das kann ich aus meiner Erfahrung bestätigen.